Traum und Wirklichkeit

Gerade fertig mit dem dritten Teil glaubt man, die Welt liege einem zu Füßen. Jetzt beginnt das wahre Leben. Doktorarbeit, dabei viel Freizeit und das Ganze noch bezahlt - das sind zwar die Traumvorstellungen aller Absolventen, leider sieht es aber meist ganz anders aus.

"Die Doktorarbeit dauert nur 1 Jahr."

oder

"Die Methoden sind bereits alle etabliert, müssen nur noch diesem Fall angepasst werden."

Diese und weitere Aussagen der Professoren hören sich glaubwürdiger an, als sie meist sind. Wenn man sich das erste Mal mit einer Doktorarbeit beschäftigt, hat man ja auch keine Übersicht und weiß nicht, was machbar ist und was nicht. Am Ende werden aus einem Jahr der Doktorarbeit schnell zwei.


Die Anpassung der Methode zieht sich länger hin, als gedacht hat, und man bekommt schlechte Laune, weil es nicht so läuft, wie man es sich vorstellt. Weitere Probleme, über die man sich im Vorfelde gar keine Gedanken gemacht hat, kommen dann vielleicht auch noch dazu:


Die Betreuung übernimmt vielleicht nicht der Professor sondern ein Zwischenbetreuer, mit dem man aber nicht vernünftig zusammenarbeiten kann. Die Experimente laufen unter Umständen schlechter, als man denkt. Geräte oder Stoffe können zu dem Zeitpunkt, an dem sie gebraucht werden, nicht geliefert werden. Oder Personen, von denen man abhängig ist, lassen auf sich warten. Diese Dinge können die Doktorarbeit in die Länge ziehen, so dass aus 1 Jahr schnell 1,5 oder 2 werden. Um einigen dieser Dinge vorzubeugen, sollte man sich folgendes klar machen: eine experimentelle Doktorarbeit ist zeitlich nicht exakt planbar. Genauso wichtig ist es, dass das Konzept der Doktorarbeit von Anfang an steht. Sind überhaupt genügend Patientenzahlen zu erwarten? Muss die Methodik erst noch etabliert werden? Eine Etablierung ist zeitlich gesehen eine unsichere Sache. Kennt der Professor die Methodik überhaupt nicht, muss man sich alles selbst anlesen und ausprobieren...

Es ist immer gut, sich vorher mal mit Doktoranden des Professors zu unterhalten. Dabei kann man einen Eindruck über die Betreuung und das Arbeitsklima gewinnen. Und man sollte immer im Hinterkopf behalten: Professoren sind auch nur Menschen.

Die Nachfolgedoktorarbeit - Lust oder Frust?

Du hast es geschafft - Du hast eine begehrte Nachfolgedoktorarbeit an Land gezogen. Alles ist sozusagen schon in trockenen Tüchern, denn die Methoden sind ja schon etabliert und für gut befunden worden. Die Vorgängerin oder der Vorgänger hat es auch geschafft, brauchbare Ergebnisse zu produzieren. Und den Material-und-Methoden-Teil kannst Du wahrscheinlich wortwörtlich für deine Arbeit übernehmen. Vielleicht liegt sogar noch irgendwo ein Ordner mit der Literatur herum, die der Vorgänger verwendet hat und die Du Dir nicht mehr selbst zusammensuchen musst.

Alles super?

Vielleicht auch nicht. Du musst jetzt bedenken, dass in Deiner Arbeit ja noch IRGENDETWAS anders sein muss als in der davor, denn sonst müsstest Du sie nicht schreiben. Also, vergiss das mit dem identischen Material-Teil. Und bei der Literatur wirst Du vielleicht etwas frustriert feststellen, dass Du gar nichts Neues mehr schreiben kannst, außer, Du zitierst Deinen direkten Vorgänger. Darüber solltest Du also vorher schon Deinen Betreuer ausfragen - vielleicht hat er ja für Deinen Literatur-Teil einen verwandten Themenkomplex vorgesehen.

Deine Ergebnisse bei einer experimentellen Arbeit werden jetzt natürlich ziemlich genau mit denen Deines Vorgängers verglichen, schließlich habt ihr unter gleichen Bedingungen gearbeitet. Wenn die Ergebnisse gleich oder ähnlich sind, ist alles in Ordnung. Aber wie erklärt man die Abweichungen? Da kann man schon mal ins Grübeln kommen, wenn zum Beispiel die Mäuse bei Dir viel schneller gewachsen sind als bei der Vorläuferdoktorarbeit, obwohl die Tiere doch das gleiche Futter bekommen und im gleichen Käfig gewohnt haben.

Nichtsdestotrotz ist es natürlich schön, wenn einen vielleicht sogar noch der Vorgänger in die Methoden einführen kann und einem mit Rat und Tat oder später noch telefonisch zur Seite steht, wenn man seine/ ihre Doktorarbeit lesen kann, um sich in die Thematik einzuarbeiten und wenn man bei seinen Ergebnissen recht schnell kontrollieren kann, ob sie wohl stimmen.